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Buchdruck Literatur in der Mangel

Literaturkritik zum Hören - nach Jahren des Literaturstudiums und Lesens muss das angesammelte Wissen ja auch irgendwie angewandt werden! Deswegen graben wir uns einmal monatlich durch den literarischen Blätterwald, diskutieren, streiten, loben, vernichten, lieben, hassen und lesen vor allem und ihr könnt das hören!


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Der Februar ist so kurz, deswegen haben auch wir ein kurzes Buch gelesen. Simon Strauß ist nicht nur der Sohn von Botho, sondern hat auch einen kurzen Roman "Sieben Nächte" geschrieben und damit das Feuilleton in die Luft gesprengt: NAZI? NEONAZI? ALLES ÜBERTRIEBEN? NUR EIN BEDEUTUNGSLOSER TEXT? KONSERVATIV? GENIAL ODER EINFACH LANGWEILIG?

Wir haben es herausgefunden

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Vor fast acht Jahren lief im kleinen Haus des Theaters Leipzig, in der Skala, eine dokumentarische Theaterperfomance unter dem Titel fanz 89/09. Unter der Leitung von Mareike Mikat erzählte der Abend davon, wie die Jugendlichen, die ihre Kindheit in der DDR verbracht hatten, 1989 auf einmal in eine Welt geworfen wurden, die ihnen einerseits als die Hölle dargestellt worden war, andererseits auch das Paradies verhieß. Orientierungslos und ohne jemanden, der sie an die Hand genommen hätte, fanden viele von ihnen eine Art Verständnis in den Songs der Band die Böhsen Onkelz, bis heute ob ihres vor stereotyper Maskulinität strotzenden Werkes kontrovers diskutiert, aber damals noch als rechtsradikal geltend. Auf beeindruckende Weise wurde mir damals klar, dass hinter der Wende und der Wiedervereinigung, die ich kannte, etwas steckte, das weder Geschichtsunterricht noch die Medien mir bisher vermittelt hatten. Die Böhsen Onkelz werden in dem Roman von Manja Präkels ein- oder zweimal kurz erwähnt, aber das, was ich an den Abenden und bei den Proben zu dem Stück in der Leipziger Skala – ich war damals dort Praktikant – über die Jugend des ostdeutschen Hinterlandes in den frühen Neunzigern erfuhr, schwingt in Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß immer mit.

Fast am Ende von Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß (2017) findet die Erzählerin Mimi im Haus ihrer Eltern die Hörspielschallplatte Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen und kommentiert sie mit „Ich hatte das Fürchten zuhause gelernt.“ (227). Darum geht es in Manja Präkels Debütroman, der sich über knapp zwanzig Jahre erstreckt, von den Siebzigern bis in die Neunziger und doch eigentlich hauptsächlich von wenigen Jahren zwischen den späten Achtzigern und frühen Neunzigern erzählt. Es geht um den Horror der Kleinstadt, um das, was passiert, wenn die Weltgeschichte in die Provinz eindringt und sich niemand darum schert, was das mit der Provinz anstellt.
Mitten hinein in den geruhsamen Fluss des Kleinstadtlebens in der DDR wird die Protagonistin und Erzählerin Mimi Schulz Mitte der 1970er Jahre geboren. Der Fluss Havel, an dem das Städtchen, das im Roman immer nur als die Havelstadt bezeichnet wird, spielt auch eine tragende Rolle, immer wieder kommt Mimi im Verlauf ihrer Kindheit und Jugend an diesen Fluss. Die Stadt, die nie bei ihrem Namen genannt wird, ist mit großer Wahrscheinlichkeit die Geburtsstadt der Autorin Zehdenik in Brandenburg nördlich von Berlin. Die Bezeichnung Havelstadt aber lässt Raum für die Universalität von Mimis Erzählung – so oder so ähnlich hat es überall in all diesen kleinen Städten und größeren Dörfern auf dem Land im Osten Deutschlands ausgesehen. Mimis Geschichte ist universell und doch persönlich. Es ist – so viel wird schnell deutlich – die Geschichte der Schriftstellerin und Sängerin Manja Präkels, die Parallelen sind überdeutlich und auch nicht versteckt. Man muss nicht mit der Detaillupe jede erzählte Kleinigkeit nachprüfen können, um zu wissen, dass Präkels hier ihre Geschichte erzählt und sich mit der Bezeichnung Roman die Freiheiten der Fiktionalität nimmt – Autofiktion heißt das Stichwort.
Im kindlich naiven Ton und mit dem herrlich irritierenden Satz „Vielleicht hat Hitler mir das Leben gerettet, damals.“ (7) beginnt die Geschichte eines kleinen Mädchens, das im Realsozialismus der DDR aufwächst, zwischen Pionierlagern, Angeln am Fluss, Mangelwirtschaft und Landidylle. Genauso naiv, wie die kleine Mimi auf die Welt blickt, die sich ihr in ihrem Elternhaus mit dem bald sehr kranken Vater, der lebensfrohen Großmutter, dem Bruder Adolar und der als Lehrerin arbeitenden Mutter bietet, blickt auch die Erzählstimme der Autorin auf diese Jahre zurück. Das unterdrückende und spionierende Regime der DDR dringt allenfalls in Andeutungen und dem Weltwissen der Leser*innen in das kindliche Leben der Protagonistin ein. Mit dem fortschreitenden Alter Mimis verändert sich auch die Erzählstimme. Die späten Siebziger und frühen Achtziger sind geprägt von einer Normalität, in der nur jemand erzählen kann, der in diese Welt hineinwächst, ohne etwas anderes zu kennen – eine Welt, zu der die sozialistischen Ferienlager ebenso gehören wie die Stones-Platte, die die Eltern abends im Wohnzimmer hören. Irgendwann freundet sich Mimi mit Oliver an, mit dem sie unter dem elterlichen Esstisch sitzt und Schnapskirschen isst – aus Oliver wird irgendwann Hitler. Doch bis dahin erlebt Mimi noch die 40-Jahrfeier der Deutschen Demokratischen Republik. Die Szene, in der Präkels Mimi davon erzählen lässt, wie sie im blauen Hemd der FDJ in der Parade in Ost-Berlin mitmarschiert, sich währenddessen betrinkt und ihr Teil des Zuges noch vor der Haupttribüne in eine Seitengasse abbiegen muss, ist einer der besten Abschnitte des Romans. Mimi säuft den Rest des Tages und der Nacht mit ihren Freunden aus der Havelstadt weiter und fragt sich schließlich, wie sie am nächsten Morgen wieder in der Unterkunft der FDJler gelandet ist. Dass der sozialistische deutsche Staat gerade im Angesichts seines nahenden Untergangs sein 40jähriges Bestehen gefeiert hat, interessiert hier niemanden.
Mit der DDR verschwindet auch die Idylle in der Havelstadt. Die inzwischen pubertierende Erzählerin verändert auch den Ton ihres Erzählens. Weitaus härter berichtet sie davon, wie aus Freunden und Bekannten langsam erbitterte Feinde werde. Wie in Mimis Lieblingsfilm Die Körperfresser kommen (1978) aus Menschen auf einmal Körperfresser werden, werden aus manchen von Mimis Schulfreunden Bomberjacken tragende Schlägertrupps – die äußerst häufige Erwähnung der titelgebenden Körperfresser hämmert die passende Analogie vielleicht ein wenig zu deutlich in die Köpfe der Leser*innen. Wie eine Invasion aus zombieartigen Wesen halten nationalsozialistische Gedanken Einzug in die Köpfe der Jugendlichen. Hervorragend beschreibt Präkels Nächte in Kneipen und Dorfdiskos, die schließlich in blutige Schlägereien ausarten und was als reine Provokation begann, wird bald zur Menschenjagd von Neonazis auf Punks, Grufties und ‚Zecken‘, der manche auch wirklich zum Opfer fallen. Und mittendrin Mimis alter Freund aus Kindertagen Oliver, den alle nur noch Hitler nennen, der anfängt mit Drogen zu dealen und sich zum (An)Führer der lokalen Schlägertrupps aufschwingt. Mimi flieht nach Berlin, macht einen absurden Urlaub in Südostasien, kehrt desillusioniert wieder zurück, beginnt für eine lokale Zeitung zu schreiben, während um sie herum nicht nur die Idylle ihrer Kindheit, sondern auch die Familie zerfällt.
Mit der friedlichen Revolution, den feiernden Massen am Brandenburger Tor, dem Slogan „Wir sind das Volk“ und vor allem ‚blühenden Landschaften‘ hat all das nichts zu tun. Manja Präkels berichtet aus dem Hinterland, von dort, wo die Fernsehkameras schon damals nicht hinkamen, von dort, wo die Wende unter der Jugend Desillusionierung und Verwirrung auslöste, die manche in rechtsradikale Ideologien und andere in Drogen und Exzesse jagten. Über die Verlierer der Wende ist im Angesicht des Aufstiegs von PEGIDA und AfD in den letzten Jahren viel geschrieben worden und das Hinterland im deutschen Osten, wo Crystal Meth und rechtsradikales Gedankengut die Köpfe vernebeln, taucht immer wieder in der aktuellen Pop-, Serien- und Medienkultur auf, aber Präkels schildert auf eindrückliche Weise eine Jugendzeit, die vielleicht ein paar Erklärungen für aktuelle Entwicklungen liefern kann.

(Simon Sahner)

(Verbrecher Verlag 2017, 230 Seiten, 20€)

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Nachdem Marc-Uwe Kling ein Tier, das eigentlich nur in Australien existiert in Deutschland eingeführt hatte und damit einen Erfolg hatte, der seinesgleichen sucht, hat er nun seinen ersten Roman vorgelegt: QUALITYLAND! Und wir stellen uns die Frage: Qualität oder Quantität...wer wird Testsieger?

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Es weihnachtet mal wieder, die Hoffnungen des letzten Jahres verbrennen im Kamin, Vaddern kriegt die Kochwut, Muddern holt die Krippe aus dem Keller, alle schmücken den Baum oder auch nicht...wie auch immer, gelesen wird immer. Deswegen haben wir eine gemütliche Weihnachtsfolge für euch und empfehlen Bücher aus den letzten vier Jahrhunderten zum Lesen am Kamin, zum Schenken oder einfach zum arrogant-gebildet ins Regal stellen.

Frohes Lesen und einen guten Rutsch ins neue Literaturjahr!

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Wer hätte ahnen können, dass der Name dieses deutschen Schauspielers mal in unserem Podcast vorkommt? Wohl kaum jemand, auch nicht Daniel Kehlmann, der ja dafür verantwortlich ist. Ob es aber in Kehlmanns neuem Roman "Tyll" um die mäßigen Leistungen des deutschen Nuschelkönigs geht oder doch um etwas ganz anderes, das erfahrt ihr hier in der neuen Folge!

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